Von Gorbatschow bis Bush: Weltweite Trauer um Altkanzler Kohl

Samstag, 17 Jun, 2017

Auf dem Höhepunkt des Skandals sagte sich Angela Merkel im Dezember 1999 öffentlich von Kohl los, trat aus seinem Schatten und rettete sich dadurch. Kohl hatte sie im Alter von 36 Jahren zur Frauenministerin im ersten gesamtdeutschen Kabinett gemacht.

Besonders hob Steinmeier ausserdem die Verdienste Kohls um die deutsche Einheit hervor: "Es war ein besonderes Glück für Deutschland, dass Helmut Kohl das Land in einem entscheidenden Moment mit Weitblick und Führungskraft regierte". Dabei äußerte er seine Bewunderung für den verstorbenen Politiker. Kohl habe die historische Chance zur Wiedervereinigung ergriffen - und dies im Einklang mit den Verbündeten. "Sie sehen einen Menschen, der sehr traurig ist", sagte Kohl. Helmut Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler der Bundesrepublik. Der Pfälzer habe wie kein Anderer verstanden, dass die europäische Einigung und die deutsche Einheit untrennbar miteinander verbunden seien. Auch sie selbst habe ihm als Ostdeutsche zu verdanken, dass sie heute statt in einer Diktatur in Freiheit leben könne, sagte Merkel. Auch Grüne und Linke würdigten Kohl als überzeugten Europäer.

Nicht nur in der Regierung, auch in der Partei setzte Kohl Rekorde: 70 Jahre Parteimitglied, 25 Jahre Parteivorsitzender. Er habe die Partei modernisiert. "Ich verneige mich vor seinem Andenken", sagte Merkel in Rom.

Helmut Kohl, so Juncker weiter, war einfach komplett. Ein streitbarer Politiker und Mensch, nach innen und nach außen hin. "Ich bin in grosser Trauer über den Tod von Helmut Kohl, meinem engen Freund". So wird er in unserer Erinnerung weiterleben als der große Europäer und als Kanzler der Einheit. Das sei Kohls großes Vermächtnis, erklärte Gabriel. "Und jeder, der mit ihm so zusammengearbeitet hat, wird dankbar sein für diese Zeit und sich an diese Zeit und an diesen großen Deutschen und an einen persönlichen Freund gerne erinnern".

Kohl war am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seiner Heimat in Ludwigshafen gestorben. Regierungssprecher Steffen Seibert schrieb auf Twitter: "In tiefer Trauer um einen großen Deutschen und einen großen Europäer".

Und nochmals leicht anders - aber inhaltlich ähnlich monoton - formulierte es ("bei aller Kritik") der SPD-Abgeordnete Burkhard-Lischka: "großer Europäer". Kohl habe eine Ära geprägt, sein Name werde "für immer in Verbindung stehen mit einem der großartigsten Projekte der deutschen Nachkriegsgeschichte, der deutschen Wiedervereinigung". Außenminister Sebastian Kurz sagte, dass Kohl "maßgeblich den österreichischen EU-Beitritt unterstützt" habe. 1973 hatte Kohl dann den Sprung an die Spitze der Bundespartei geschafft. "Er hat mich persönlich auf allen europäischen Wegen geleitet und begleitet", teilte Juncker am Freitag in Brüssel mit. Baake gilt als der Evangelikale, der Kohl aufgrund mehrerer Begegnungen mit am besten kannte. "Ganz Europa trauert um einen großen Staatsmann".

Allein dieser mediale Ausnahmezustand zeigte, welch grosse Bedeutung Deutschland dem "Kanzler der Einheit" beimass. Er wusste: Wenn Deutschland von seinen Nachbarn - gerade von den kleineren europäischen Staaten - als übermächtig empfunden werden würde, kämen weder Deutschland noch Europa voran. Er würdigte Kohl als Staatsmann, "der Deutschland mit entschlossener und ruhiger Hand vereinigte". Dieses reichte in die Zeit zurück, als Kohl die deutsche Wiedervereinigung und damit teilweise auch die demokratische Wende in Osteuropa gestaltete. Er hat eine Auseinandersetzung mit seinem Lebenswerk verdient. "Bei unseren Bestrebungen war Helmut ein Fels - standhaft und stark".

Die früheren US-Präsidenten George Bush sen. und Bill Clinton würdigten Kohl ebenso wie der russische Präsident Wladimir Putin. "Er war aufgerufen, einige der monumentalsten Fragen seiner Zeit zu beantworten", heisst es in einem von Clinton verbreiteten Statement. Beide Politiker gelten als Väter der Deutschen Einheit. "Aber er verabscheute noch mehr den Totalitarismus".